Wortmarke „Tiefgang“

Ausgabe 01.01 - Fotogeschichte(n)...

Veröffentlicht am 20.02.2026  / Stand: 03/2026


Thomas Haas © by Lucas Musch, 2023

Editorial 

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Fotofreunde, der Tiefgang 01 - Historische Fotografie bekommt eine Erweiterung. Es gibt Motive, die möchten ihre Geschichte(n) erzählen. Portraits, die schon Hinweise auf die abgebildeten Personen geben, oder auch mit genauen Daten versehen wurden. Hier auf der Seite werden nach der Veröffentlichung im Journal diese Geschichten eingestellt. Die Seite ist also als Sammlung angedacht, die sich immer wieder ergänzen wird.




Noch ein technischer Hinweis: Tiefgang wird, wie das Journal, in einem Baukasten unter Opera aufgebaut. Andere Browser, z.B. Firefox oder auch Microsoft Edge und Google Chrome interpretieren einige grafische Feinheiten oder Schriften etwas anders. Dagegen bin ich leider machtlos, wie viele andere Seitenbetreiber auch....

Thomas Haas - © by Lucas Musch, 2023


Das Doppelportrait der Brüder Vollmer...

Wir starten die Fotogeschichte(n).

Doppelportrait, Karl und Gottlob Vollmer, Atelier Otto Hagenmayer, Heidenheim/Brenz - entstanden zwischen 1904 und 1916

Vorderseite des erworbenen Doppelportraits...

Doppelportrait, Karl und Gottlob Vollmer, Atelier Otto Hagenmayer, Heidenheim/Brenz - entstanden zwischen 1904 und 1916 - Rückseite - Fotorevers

...die Rückseite, mit eindeutiger Zuordnung.

Das Ergebnis von Recherchen und Prüfungen...

Der auf dem erworbenen Motiv abgebildete Karl Vollmer ist mit großer Wahrscheinlichkeit Karl Vollmer aus Untertürkheim.

Landsturmmann, Briefträger sowie Sohn des Gottlob Vollmer und der Marie geb. Ellwanger. Er fiel am 24. Mai 1916 bei Ypern

durch einen Gewehrgranatschuss; zuvor stand er mit seinem Infanterie-Regiment Nr. 127 bis Ende 1915 in den Argonnen.

Das Infanterie-Regiment Nr. 127 war ein königlich württembergisches Regiment mit Friedensgarnison in Ulm.

1. Zeitgenössische Quelle

Untertürkheimer Kriegs‑Chronik 1915 – 1916 – liefert den direkten Nachweis des Todesfalls – bestätigt Regiment, Ort und zeitliche Einordnung – ist eine Primärquelle aus der Heimatgemeinde.

2. Militärhistorische Quelle

Regimentsgeschichte des Infanterie‑Regiments Nr. 127 – ordnet Karl Vollmer militärisch ein – zeigt die Einsatzorte und den Gefechtsverlauf – ermöglicht Kontextualisierung des Todes bei Ypern.

3. Objektbezogene Quelle

Originalfotografie mit rückseitiger Beschriftung – identifiziert die beiden Brüder eindeutig – ist somit ein authentisches Zeitdokument – verbindet die Personen mit dem Atelier Hagenmeyer.


4. Fotografische Quelle

Atelier Otto Hagenmeyer, Heidenheim an der Brenz – die Firmengründung 1904 ermöglicht die grobe Datierung und geografische Einordnung – verknüpft das Motiv mit der regionalen Fotogeschichte.


Was wissen wir von Otto Hagenmeyer?

Die Gründung des Ateliers war 1904

Ein kleines Mädchen auf der Bank, Otto Hagenmeyer, Heidenheim a. d. Brenz

Das kleine Mädchen auf der Bank...

Revers, Otto Hagenmeyer, Heidenheim

Das Fotorevers...

Der Junge im Konfirmandenanzug, Otto Hagenmeyer, Heidenheim a. d. Brenz

Wohl ein Konfirmand...

Herrenquartett, Otto Hagenmeyer, Heidenheim

Herren-Quartett, Brüder?

Von Otto Hagenmeyer, dem Fotografen, sind Werke geblieben, die auch heute noch gehandelt werden. Bekannt ist mir die Gründung seines „Atelier für Photo-graphie“ in der Heidenheimer Christian-

straße im Jahre 1904. Übergeben wurde das Atelier 1930. Vom Menschen hinter der Kamera ist nichts überliefert.




Die Kartons zeigen ein solides bürgerliches Atelier, wie es in Kleinstädten der Zeit üblich war:

neutrale Hintergründe, leichte Retusche, klassisches Licht, oft halbe Figur oder Brustbild.



Die Rückseiten tragen meist den schlichten Aufdruck „Fotografie Otto Hagenmeyer, Heidenheim a. B., Christianstr. 5“ — ohne zusätzliche Auszeichnungen oder Medaillen, was

auf ein eher lokal orientiertes Geschäft schließen lässt.


Die erhaltenen Arbeiten wirken handwerklich sauber, aber nicht experimentell — typisch für ein Atelier, das vor allem Alltagsfotografie für die lokale Bevölkerung produzierte.

Die Häufung von Soldatenporträts deutet auf hohe Auslastung während des Ersten Weltkriegs hin — ein Muster, das viele regionale Ateliers dieser Zeit teilen.


Tiefgang 01 - Historische Fotografie

Fotogeschichte(n)...

...gab es das Ateliersterben um 1930?

Kein Sterben, sondern ein Verschwinden auf Raten

Manchmal beginnt eine Fotogeschichte nicht mit einem Bild, sondern mit einer Leerstelle. Mit einem Namen, der im Adressbuch plötzlich fehlt. Mit einem Atelier, das es einmal gab – und dann nicht mehr. Keine Anzeige, kein Nachruf, kein erklärender Text. Nur das Schweigen der Quellen.

Wer sich mit historischer Fotografie beschäftigt, stößt unweigerlich auf diese Brüche. Auf Fotografen, Ateliers, Werkstätten, die scheinbar aus dem Kontinuum der Stadt verschwinden. Besonders auffällig wird dieses Phänomen in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren. Schnell ist dann vom sogenannten „Ateliersterben“ die Rede. Doch dieser Begriff greift zu kurz.

Was hier sichtbar wird, ist kein plötzlicher Tod eines Berufsstandes, sondern ein langsamer Bedeutungsverlust bestimmter Formen fotografischer Praxis. Ein Verschwinden auf Raten.

Die Fotografie verlässt das Atelier

Mit dem Aufkommen der Amateurfotografie veränderte sich die Rolle des Fotografen grundlegend. Spätestens in den 1920er-Jahren waren Kameras keine exklusiven Werkzeuge mehr. Sie wurden tragbar, bezahlbar, alltagstauglich. Fotografieren verlagerte sich aus dem Atelier hinaus in die Straßen, in die Familien, in das private Leben.

Diese Entwicklung bedeutete nicht das Ende der professionellen Fotografie – wohl aber das Ende einer Selbstverständlichkeit. Der Fotograf wurde nicht mehr für jede Erinnerung benötigt. Geburtstage, Ausflüge, private Anlässe ließen sich nun selbst festhalten. Das Atelier verlor seine Monopolstellung für das Bild des Alltags.

Besonders betroffen waren jene Ateliers, deren Arbeit auf standardisierten Porträts für eine breite Kundschaft beruhte. Nicht, weil diese Bilder schlecht gewesen wären, sondern weil sie plötzlich verzichtbar wurden.

Der Wandel des Blicks

Parallel zur technischen Entwicklung vollzog sich ein ästhetischer Umbruch. Die klassischen Atelierbilder mit Kulissen, Säulen, Draperien und streng komponierten Posen entsprachen zunehmend nicht mehr dem Zeitgefühl. Die Fotografie der Moderne suchte nach Direktheit, Sachlichkeit, Bewegung.

Was zuvor Würde und Repräsentation bedeutete, wirkte nun erstarrt. Das Atelier verlor seine Bühne, nicht durch äußeren Zwang, sondern durch einen veränderten Blick auf das Bild selbst. Manche Fotografen reagierten auf diesen Wandel, andere hielten an Bewährtem fest. Für viele wurde genau das zum Problem.

Ökonomie als Beschleuniger

Der eigentliche Einschnitt kam jedoch mit den wirtschaftlichen Krisen der Zeit. Inflation, Kaufkraftverlust und schließlich die Weltwirtschaftskrise ab 1929 trafen kleine Betriebe besonders hart. Fotografie war kein Grundbedürfnis. Sie ließ sich aufschieben, einsparen, ersetzen.

Gerade kleinere Ateliers ohne Spezialisierung oder finanzielle Rücklagen verschwanden aus dem Stadtbild. Nicht spektakulär, nicht dramatisch – sondern still. Oft blieb nur der Abdruck eines Atelierstempels auf der Rückseite eines Fotos als letzter Hinweis auf ihre Existenz.

Was bleibt

Das sogenannte Ateliersterben war kein Ende der Fotografie, sondern ein Übergang. Es markiert den Moment, in dem sich der Beruf neu definieren musste – weg vom reinen Anbieter eines Bildes, hin zum Gestalter, Beobachter, Spezialisten.

Die Fotogeschichte(n), die hier versammelt werden, erzählen von diesen Übergängen. Von Menschen, Bildern und Orten, die nicht verschwunden sind, sondern nur leiser geworden.

Und vielleicht ist genau das ihre größte Bedeutung.



Der Soldat Karl Speth aus Esslingen...

...ein Soldatenportrait mit fehlerhaften Angaben.

Der Soldat Karl Speth um 1900
Atelieraufnahme von H. Schrempf, 
Ulm, Karlstraße 58

Atelieraufnahme von H. Schrempf,

Ulm, Karlstraße 58, um 1900.


Karl Speth aus Esslingen, Soldat des Infanterie-Regiments

„Kaiser Wilhelm, König von Preußen“

(2. Württembergisches) Nr. 120.

Die Fotografie ermöglicht – trotz widersprüchlicher handschriftlicher Angaben auf der Rückseite – eine historisch korrekte Einordnung und unterstreicht den hohen dokumenta-rischen Wert früher Atelieraufnahmen.


Das Motiv ist im retuschierten Zustand eingestellt. Die Originale werden bei der 

Bartko & Rehner GmbH & Co. KG, Berlin, in gutem Zustand erworben.

Damit wird die Fotografie selbst zur Quelle. Nicht absolut, nicht unfehlbar – aber überprüfbar. Sie widerspricht der Überlieferung, und genau darin liegt

ihre Stärke.

Dokumentarische Fotografie ist kein Kommentar, sondern ein Befund. Sie zeigt, was war – oder wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt erschien.

In Verbindung mit Recherche und

Kontext wird aus einer Aufnahme ein belastbares Zeugnis.

Nach über 120 Jahren blickt dieser

junge Soldat uns noch immer an.

Sein weiterer Lebensweg bleibt uns unbekannt. Doch seine Zeit, seine Rolle, und sein Umfeld lassen sich heute

klarer fassen als zuvor.

So leistet ein einzelnes Bild historische Aufklärungsarbeit – leise, sachlich und dauerhaft.


Wieder eine Überraschung… 

Telefon mit unbekannter Nummer?

Das Paar von Robert Borowansky, Neu-Ulm

Wenn unbekannte Nummern anrufen, dann ist es doch meistens etwas Lästiges. Call-Center, Gewinnspiele, Meinungsumfragen - lauter Gespräche, die abgeblockt werden, und daher nur Sekunden dauern.

Diesmal war es eine echte Überraschung, denn es meldete sich Frau Sabine Hahn aus Senden.

Frau Hahn hatte die Homepage gefunden, als Sie nach dem Fotografen Robert Borowansky suchte. Eine Fotografie aus dem Besitz ihrer Mutter wurde von Borowanski angefertigt, und Frau Hahn hatte keine weitere Verwendung für das Foto. Daher war sie auf der Suche nach einem Interessenten.

Wir haben einige Minuten gesprochen, und wenige Tage nach dem Telefonat kam das Bild per Post bei mir an. Für das Journal habe ich es etwas gereinigt und digital aufbereitet.

Wer die Personen sind, das bleibt ungeklärt. Aber nun gibt es bei mir zu den bisher gesammelten Daten ein echtes Werk

von Robert Borowanski, der unter der Adresse Insel 8 ½ in Neu-Ulm eine Teil der regionalen Foto-Historie gelebt und erlebt hat, einfach selbst ein Teil davon war.

In diesen Räumlichkeiten auf der Insel waren viele Fotografen tätig, die von mir aufbereiteten Tabellen zeigen das.

Im Tiefgang 01 sind diese Tabellen eingestellt.

Heute ist die Insel fest in den Händen einer regionalen Bank: Die Sparkasse Neu-Ulm – Illertissen, hat dort das Projekt „Brückenhaus“ vor wenigen Jahren hochgezogen. 

„Wenn du Menschen in Farbe fotografierst, dann fotografierst du ihre Kleidung. Wenn du sie in schwarz/weiß fotografierst, dann fotografierst du Ihre Seelen.”

Dr. Ted Grant, “the father of Canadian photojournalism”

(1929 — 2020)

Das Paar von Robert Borowansky, Neu-Ulm.

Ergänzung: Robert Borowansky kam aus Nürnberg nach Neu-Ulm...

Das kleine Mädchen auf der Bank..., Robert Borowansky, Neu-Ulm

Das kleine Mädchen auf der Bank...

Rückseite, Revers mit Stempelabdruck: „jetzt: Neu-Ulm Augsburgerstr. 38“

Die gestempelte Rückseite...

Der Stempel auf beiden Seiten des Revers dokumentiert den Umzug von Nürnberg nach Neu-Ulm, etwa 1907.

Die Augsburger Straße ist hier falsch geschrieben, das war wohl zwischen Umzug und Neueröffnung ein Versehen.  Später wird in Neu-Ulm auch die Adresse „Insel 8 ½“ auf den Revers stehen...

Auch dieses Motiv habe ich bei Bartko & Reher in Berlin erworben. Während ich den Artikel schreibe, steht es bei einem Zweitverwerter noch im Netz...


Ergänzung vom März 2026


Leserbriefe...

Der Platz für Rückmeldungen, Anregungen, Wünsche und Kritik... - der Button macht es möglich! Wer traut sich?

Wir Schreiber" hoffen bei jeder neuen Ausgabe darauf, unsere Stammleser - wie auch die „Laufkundschaft" aus den Tiefen des Internets - anzusprechen, und mit unseren Bildern und Artikeln für einige Minuten gut zu unterhalten. Ob es uns mit dieser Ausgabe gelungen ist, das können wir nur über die Reaktionen aus dem Kreis der Lesenden erfahren.

Im Süden Deutschlands, in Teilen von Bayern und Baden-Württemberg, genauer bei den Schwaben, gibt es da so eine Regel: „Ned gschimpft isch globt gnua!“*

Gerne nehmen wir auch konstruktive Kritik an, freuen uns über Rückmeldungen, ganz egal über welchen Kanal, und planen noch viele weitere Ausgaben des Journals als unser generationsübergreifendes Kommunikationsprojekt!

*Nicht geschimpft ist gelobt genug!

Ja, ich möchte dazu was sagen...

Rückmeldungen...

Hier werden die Rückmeldungen, die mich über verschiedene Kanäle erreichen, unzensiert eingestellt.

Schreibtischmotiv, Schreibmaschine, historisch

Wenn keine unzustellbaren Sendungen zurück kommen, ist das schon ein gutes Zeichen, und wenn wenige Minuten nach dem Versand kurze Meldungen wie Danke Thomas, bin gespannt...“ ankommen, weiß ich dass der Link zugestellt ist.


Rückmeldungen:


Sehr gerne stelle ich die Rückmeldung von Verena aus Langenau vom 25.02.2026 ein:

Lieber Thomas,

danke für die regelmäßigen Links zu deinem Magazin.

Hochachtung vor deinem unermüdlichen und vielseitigen Einsatz zu immer wieder anderen fotografischen Themen und bildnerischen Auseinandersetzungen.

Insbesondere die Aufarbeitung historischer Fotografien aus deiner Sammlung und die entsprechenden Texte dazu sind bewegend.

Du bringst nicht nur die portraitierten Personen damit »ans Licht«, sondern beleuchtest auch den historischen / sozialen Kontext. Ein wertvolle und wichtige Arbeit um geschichtliche Hintergründe in Erinnerung zu behalten. Toll ;-)


Ob in 100 Jahren jemand unsere Festplatten entprechend durcharbeiten wird? Besser denken wir nicht darüber nach....


Ich wünsche dir weiterhin frohes Schaffen 

und viele Grüße, Verena   




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